Das Ende der Privatsphäre?

Stell dir vor, du müsstest deinen Kindern eines Tages erklären, wie das Leben ohne die Möglichkeiten des Internets ausgesehen hat und dass für sie normale Dinge in deiner Jugend technische Errungenschaften waren. Dass man beispielsweise Informationen zu einer bekannten Person oder die Bedeutung eines Fremdwortes extra in einem Buch nachschlagen oder in einer Bibliothek suchen musste, wird für jemanden, der mit dem Internet aufgewachsen ist, eine sehr seltsame Vorstellung sein. Diese sofortige Erreichbarkeit von Wissen und Informationen war in den Zeiten vor Google und Wikipedia unvorstellbar. Während heute das gesamte Wissen der Welt nur einen Mausklick entfernt ist, war es vor nicht allzu langer Zeit in Bibliotheken gefangen.

Das Internet verändert die Welt

Das Internet hat die Kommunikation und damit die Welt nachhaltig verändert. Dank eMail, Instant Messaging und Voice Over IP ist es so einfach wie nie, mit der Welt in Kontakt zu treten. Hatte man früher nur die Wahl zwischen dem langsamen Brief und dem teuren Telefonat, kann man heute mit Hilfe des Internets grenzenlos und gratis publizieren und kommunizieren.
Das weltweite Netz hat in vielerlei Hinsicht Grenzen überschritten und Mauern zu Fall gebracht. Heute kann jeder, der etwas Interessantes oder Wichtiges zu sagen hat, Journalist werden und sich mit Menschen aus der ganzen Welt austauschen. Musiker, die auf dem auf Profit ausgerichteten Musikmarkt nie eine Chance gehabt hätten, können ihre Lieder veröffentlichen und haben so die Möglichkeit, Fans in aller Welt zu finden und mit ihnen in Kontakt zu treten. Und auch Andy Warhols Prognose, dass in Zukunft jeder Mensch für 15 Minuten Weltberühmtheit erlangen kann, scheint sich in Zeiten von Internetportalen wie YouTube und MyVideo zu bewahrheiten. Dieser Ruhm ist allerdings von zweifelhaftem Charakter und aus den von Warhol vorhergesagten 15 Minuten scheinen eher 15 Sekunden geworden zu sein.

Goldgräberstimmung im Internet

Auch wenn der Grundstein für das Internet bereits im Jahr 1969 mit der Entwicklung des militärischen ARPANET gelegt wurde, dauerte es bis zur Mitte der 90er Jahre, bis das Internet auch außerhalb der wissenschaftlichen Welt wahrgenommen wurde.
Nachdem die ersten Investoren erkannt hatten, wie einfach es mit dem Internet war ein Unternehmen zu gründen und Geld zu verdienen, entstand durch die allgemeine Euphorie und die vielversprechenden Berichte der Medien eine regelrechte Goldgräberstimmung und jeder versuchte am Wettbewerb teilzunehmen. Die dabei entstandenen Unternehmen hatten vielfach keinen durchdachten Finanzierungsplan und nur eine vage Vorstellung über die technische Umsetzung ihrer Ideen. Sie wurden dennoch von vielen Investoren an der Börse unterstützt, weil niemand den Anschluss an den Neuen Markt verpassen wollte. Diese Entwicklungen führten zu einer sogenannten Spekulationsblase, d.h. die Preise, mit denen die Unternehmen gehandelt wurden, entsprachen nicht mehr ihrem wirklichen Wert. Als die Kurse in der Mitte des März 2000 zu fallen begannen, platzte diese Blase und die Begeisterung für das Internet ebbte ab.
Soziale Renaissance
Trotz des verlorenen Vertrauens der Anleger entwickelte sich das Internet stetig weiter. Den heutigen Zustand des Internets hat der Verleger Tim O’Reilly mit dem Schlagwort “Web 2.0” beschrieben. In der zweiten Generation des Internets geht es darum, die Benutzer von Konsumenten zu Produzenten zu machen. Durch neue Internet-Dienste ist es heute einfacher den je, seinen kreativen Beitrag zum großen Ganzen einzubringen. Während ambitionierte Journalisten und Schriftsteller in sogenannten Blogs ihre Artikel veröffentlichen können, erlaubt es die Technik jedem zum Moderator zu werden und eigene Radio- und Fernsehsendungen zusammenzustellen. Während der Zuschauer lange Zeit nur stiller Konsument der Medien war, hat er heute dank der technischen Entwicklung die Möglichkeit, sich in Diskussionen einzubringen und seine eigene Meinung zu vertreten. Das Wissen der Welt wird z.B. von freiwilligen Helfern in der Enzyklopädie Wikipedia zusammengetragen. Dadurch ist es erstmals in der Geschichte möglich, dass jeder die gleiche Chance zur Bildung besitzt, vorausgesetzt er hat einen Computer mit Internetanschluss.

Schöne neue Welt?

Die neuen Möglichkeiten bringen aber auch bisher nicht vorhandene Probleme und Risiken mit sich. Die Offenheit des Internets ist nicht nur für Leute, die sie für gute Zwecke benutzen und das Internet dazu verwenden, ihr Wissen kostengünstig zu verbreiten, interessant. Die Anonymität im Netz lockt auch dubiose Unternehmen, die in gefälschten Webshops und Auktionshäusern nicht existente Ware verkaufen und somit ahnungslose Käufer per Vorkasse um ihr Geld bringen. Nicht nur das Web, sondern auch der eMail-Verkehr leidet unter geschäftstüchtigen Betrügern, die dem ahnungslosen Internetnutzer mit Spam und Phising zu Leibe rücken. Unter dem Begriff Spam, der auf einen Sketch der britschen Komikergruppe Monty Python zurückgeht, versteht man unerwünschte Werbe-eMails, die für den Versender kostenlos sind und dem Empfänger preiswert Medikamente, Software oder Pornografie anbieten. Als Phising bezeichnet man das Versenden gefälschter Rechnungen, um an die Passwörter der Empfänger zu gelangen oder Viren und Trojaner zu verbreiten.
Auch wenn die grenzenlose und freie Kommunikation in den Händen dieser wenigen Kriminellen lästig ist und die Freude am Internet trüben kann, würde eine zentrale Kontrolle der grundsätzlichen Idee des dezentralen Internets widersprechen und außer Acht lassen, was durch die Offenheit erst möglich geworden ist.
Großer Bruder Google
Eine weitere Gefahr ist die Macht, die einzelne Unternehmen im Internet durch die von den Benutzern preisgegebenen Information erhalten. Dies betrifft vor allem riesige Internet-Unternehmen wie Google, Yahoo und Amazon. Diese Online-Schwergewichte kaufen neue Webseiten auf und gliedern sie in ihr Angebot ein. Falls die Daten der Nutzer dabei in die falschen Hände geraten oder von den Unternehmen, denen sie anvertraut wurden, missbraucht werden, kann der Nutzer seine digitale Identität verlieren und schlimmstenfalls zum “gläsernen Nutzer” werden.
Betrachtet man beispielsweise das US-Unternehmen Google und malt sich aus, wie viel Macht das Unternehmen durch die Verknüpfung der persönlichen Daten ihrer Kunden erlangen kann, so entsteht ein erschreckendes Horrorszenario. Google finanziert seine Dienste durch Werbeanzeigen und verlangt vom Benutzer keine Bezahlung für die Benutzung des Google-Angebotes.
Die von Google geschalteten Anzeigen unterscheiden sich vom herkömmlichen Modell, weil die geschaltete Werbung kontextsensitiv ist. Das heißt, dass die Werbanzeigen nicht zufällig ausgewählt werden, sondern zum Inhalt der jeweiligen Seite passen. Dadurch ist die Zahl der Benutzer, die diese Werbeanzeigen anklickt, wesentlich höher, orientieren sie sich doch an dem, was den Nutzer gerade interessiert. Sucht er beispielsweise nach den Begriffen Mallorca, so zeigt Google neben den eigentlichen Suchergebnissen am rechten Seitenrand auch Werbeanzeigen von Reiseanbietern an. Da dieses Modell für Google ausgesprochen lukrativ ist, liegt dem Unternehmen viel daran, dem jeweiligen Benutzer Werbeeinblendungen zu präsentieren, die ihn interessieren, um so die Chancen zu erhöhen, dass die Werbung den Benutzer anspricht und er auf die Anzeige klickt.
An diesem Punkt kann es für die Privatsphäre des Einzelnen, insbesondere die derer, die einen Google Account haben und einen oder mehrere der im folgenden genannten Dienste nutzen, gefährlich werden. Google bietet neben dem Suchangebot unter anderem ein eMailpostfach (Google Mail), ein Online-Tagebuch (Blogger), einen Kartenservice (Google Maps & Google Earth), einen Fotoservice (Picasa), zwei Videoplattformen (Google Video und YouTube), eine Chatplattform (Google Chat), Online-Anwendungen für Textverarbeitungen und Tabellenkalkulationen und ein Programm, mit dem man die Dateien auf seinem Computer durchsuchen kann. Die Anmeldeinformationen bei diesen Diensten werden über einen zentralen Google-Account verwaltet, weshalb man die Informationen der einzelnen Angebote leicht zu einer zentralen Datei zusammenfügen könnte.
Darüber hinaus ist die Google-Suche in die Webseiten von MySpace und Wikipedia integriert. Der unabhängige Webbrowser Mozilla Firefox bezahlt einen Teil seiner Entwickler mit Geld, das die hinter dem Programm stehende Mozilla Foundation von Google erhält, damit Google die voreingestellte Suchmaschine ist.
Und auch über Personen, die nicht bei Google angemeldet sind, könnte das Unternehmen Informationen sammeln. Da jede eMail, die ein Google Mail-Nutzer betrachtet automatisch durchsucht wird um eine passende Werbeeinblendung auszuwählen, bekommt das Unternehmen indirekt genug Informationen über den Sender der Botschaft.
Aus der Aufzählung geht hervor, wie allgegenwärtig Google ist und wie viele Informationen das Unternehmen über seine Benutzer sammeln könnte. Würde Google alle Informationen, die in den Quellen enthalten sind, miteinander verknüpfen, könnte das Unternehmen ein genaues Profil über die jeweilige Person erstellen. Das Bild wäre wahrscheinlich wesentlich genauer, als das, was Eltern über ihre Kinder oder Paare übereinander wissen. Google wüsste durch die Verknüpfung seiner Datenbanken wo jemand wohnt, mit wem und über was er kommuniziert, was ihn interessiert und was auf seinem Computer gespeichert ist.
Auch wenn das Unternehmen Google seinem Firmen-Credo „Don’t be evil“ treu bleibt und die Daten nur zu guten Zwecken wie dem Anzeigengeschäft oder der Qualitätsicherung nutzt, könnten die gewonnenen Informationen in den Händen von Kriminellen oder einer Diktatur großen Schaden anrichten, da mit ihnen die komplette Überwachung durch den Staat oder die Industrie möglich und denkbar einfach wäre. Diese persönlichen Daten sind besonders interessant, weil sie von jedem Einzelnen selbst übermittelt wurden und dadurch besonders aktuell und glaubwürdig sind. Die totale Überwachung, die schon der britische Autor George Orwell in seinem Roman 1984 geschildert hat, wäre damit in einem viel umfassenderen Rahmen als je zuvor möglich.

Verantwortungsvoller Umgang

Das fiktive Szenario soll dazu anregen, sich kritisch mit dem auseinander zu setzen, was man im Internet publiziert. Dabei sollte man sich immer vor Augen führen, ob das, was man von sich preisgibt, wirklich jedem zugänglich gemacht werden soll. Ein guter Maßstab um einzuschätzen, was man über sich veröffentlichen kann, ist das, was man einem Fremden, den man zufällig trifft, über sich und seine Gedanken erzählen und – weitaus wichtiger – nicht erzählen würde.
Unsere Generation, die als erste die unerschöpflichen Möglichkeiten des Internets in vollem Maße nutzt, wird auch die erste sein, auf die alles, was sie im Internet preisgegeben hat, wie ein Bumerang zurückkommt. Das Internet und vor allem die Suchmaschine Google, die von jeder Webseite, die sie je durchsucht hat, eine Kopie im so genannten Google Cache anlegt, vergisst nichts.

Zusammenfassung

Das Internet ist letztendlich nur ein weiteres Medium um mit anderen Menschen zu kommunizieren. Wie jedes Kommunikationsmittel ist es dabei weder gutmütig noch bösartig. Dennoch ist es durch seine historische Einmaligkeit, die ausgelösten Veränderungen und die damit verbundenen Folgen ein besonderes Phänomen, dem man sich mit gesundem Menschenverstand und einer ordentlichen Portion Skepsis nähern muss. Beim Nutzen des Internets sollte man sich im Klaren sein, welche Folgen die Veröffentlichungen haben kann und wem Informationen zugänglich gemacht werden.

Weitere Informationen, Hintergründe und Quellen:
Video über die Macht Googles
Die Google-Story, David A. Vise & Mark Malseed (Autor), ISBN-10: 3938017562
1984, George Orwell, ISBN-10: 3548234100

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: